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Podiumsdiskussion zur Hambitionierten Pop-up-Ausstellung im Nell-Breuning-Haus:Kunst und Kultur können im Rheinischen Revier viel dazu beitragen, die Konflikte zu bewältigen und eine gute Zukunft zu gestalten

Viele Menschen in einem Tagungsraum.
Wer schreibt die Geschichte des Rheinischen Reviers? Wer berichtet von Konflikten, Konfrontationen und Kämpfen? Wer erzählt von den Zwischentönen, wechselt Perspektiven, baut Brücken? Wer bindet Erfolge, Scheitern, Abschiede und Neuanfänge zusammen? Eine Podiumsdiskussion am 3. März 2026 im Nell-Breuning-Haus zeigte auf: Darüber herrscht intensiver Redebedarf.
Datum:
4. März 2026
Von:
Thomas Hohenschue

Moderiert von der Landtagsabgeordneten Antje Grothus, trafen sehr verschiedene Blickwinkel aufeinander, die im Großen und Ganzen respektvoll angehört und diskutiert wurden. Der verbindenden Klammern gab es gleich zwei: zum einen das Interesse, der Zivilgesellschaft mehr Mitwirkung bei der Gestaltung des Strukturwandels zu verschaffen, zum anderen das Interesse, die Rolle von Kunst und Kultur bei der Bewältigung von Konflikten und der Entwicklung der Region auszuleuchten und zu stärken.

Bodo Middeldorf, Geschäftsführer der Zukunftsagentur Rheinisches Revier, hob hervor, dass bald zwei Instrumente für mehr Beteiligung der Bevölkerung am Strukturwandel aus der Taufe gehoben werden. Ein repräsentativ zusammengesetzter Bürgerrat soll Empfehlungen an die Landesregierung ausarbeiten. Ein Zukunftsfonds soll kleine zivilgesellschaftliche Projekte unterstützen. So solle, nicht zuletzt mit Hilfe von Kunst und Kultur, das Revier umfassend zu einer lebenswerten Region entwickelt werden.

Künstlerin Silke Schatz skizzierte am Beispiel ihrer Langzeitbeobachtung des verlassenen Ortes Manheim bei Kerpen, wie Kunst schwierige Prozesse wie Abschiednehmen und Neuanfangen, Zulassen und Loslassen flankieren kann. Sie ist gegen das Auslöschen von Erinnerungen, sondern plädiert für bewusstes Bestehenlassen ohne jede Verzweckung. Ihr Ansatz, der Natur den Raum zu überlassen, den diese sich dann rasch nimmt, faszinierte als Perspektivwechsel und inspirierte die weitere Diskussion des Abends.

Die Vielfalt von Blickwinkeln begeistert auch Dr. Annette Schneider-Reinhardt, die sich beim "Bund Heimat und Umwelt in Deutschland" und beim Landschaftsverband Rheinland (LVR) für Formate der Erinnerungskultur engagiert. Zu ihren Ansätzen gehört auch, alltagsnahe Erfahrungen und Erlebnisse einzubeziehen, wie es vorbildlich im LVR-Projekt "geSCHICHTEN" geschieht. Beim Kuratieren der künftigen Dokumentationszentren wird darüber noch gestritten, wie auch über den Umfang der Einbeziehung von Protestkultur.

Protestkultur als solche, wie sie in der Hambitionierten Pop-up-Ausstellung gezeigt wird, die gerade im Nell-Breuning-Haus gastiert, begleitet den Widerstand im Rheinischen Revier seit über 50 Jahren. Der Verlust von Heimat, von wertvollem Boden, von Wald und Wasser, später auch die Bedrohung des Weltklimas durch fossile Energieerzeugung, hat viele bewegt. Ihr Einsatz fand immer einen kulturellen Ausdruck in Form von Plakaten, Filmen, Gedichten und vielem mehr. Wie wird diese Kunst gewürdigt und zu sehen sein?

Warum diese vermeintliche Einzelfrage von hohem allgemeinem gesellschaftlichem Interesse ist, verdeutlichte der politische Soziologe Dr. Simon Teune von der Freien Universität Berlin. Kunst und Kultur aus dem Widerstand sind mehr als reine Dokumentation. Sie geben den Menschen und Gruppen, die sich einsetzten und einsetzen, ein Gesicht und Würde. Sie sind selbst Impulsgeber und Ausdruck des Protestes. Als Form des Erinnerns und Verarbeitens bauen sie auch Brücken, Konflikte hinter sich zu lassen und die Zukunft befriedet zu gestalten.

Wo steht die Region auf dem Zeitstrahl einer solchen Entwicklung? Hoffnungsvolle Ansätze sind nicht zu übersehen. Aber jetzt bereits von einer befriedeten Situation zu sprechen, spricht für viele Beteiligte der Realität im Zusammenleben und Zusammengestalten Hohn. Zum einen ist die Partizipation der Zivilgesellschaft immer noch mangelhaft, zum anderen gibt es unverheilte Wunden im Miteinander. Dass nun neue Konflikte etwa rund um die Zuführung von Rheinwasser entstehen, trägt nicht zur Deeskalation bei.

Wandel. Wurzeln. Widerstand - Protestkultur als Teil des kulturellen Erbes

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