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Nachlese zum 5. Workshop der Reihe „Mind the Gap - Beteiligungslücken im Strukturwandel“:Braucht die Zivilgesellschaft eigene Orte, um die eigene Geschichte ohne Kompromisse erzählen zu können?

23.04.2026 Orte des Strukturwandels
Datum:
23. Apr. 2026
Von:
Thomas Hohenschue

Noch ist die letzte Tonne Braunkohle nicht aus der Tiefe geholt. Und auch nach Betriebsschluss werden die gigantischen Großtagebaue der Region weiter ein prägendes Gesicht geben. Aber die Frage, wie künftig über die vergangenen Jahrzehnte gesprochen wird, mit ihren Konflikten, gewinnt an Bedeutung. Wer bestimmt, wo und wie über die Geschichte gesprochen wird? Es geht um Deutungshoheit. Der Zivilgesellschaft droht, auch bei der Gestaltung des Gedenkens den Kürzeren zu ziehen gegenüber mächtigen Akteuren. Thema des fünften Workshops von "Mind the Gap".

 Wenn die Braunkohleförderung und -verstromung endet, gibt es Folgenutzungen für viele Gebäude aus dieser Epoche. So ist es auch beim Kraftwerk Frimmersdorf. Mit seiner Ausgestaltung als Erinnerungsort wird der kulturellen Bedeutung der industriellen Epoche Respekt gezollt. Zugleich werden aber in der aktuellen Grundanlage dieses Projekts beachtliche Fehler gemacht. Zum Beispiel ist es schwierig, zivilgesellschaftliche Blickwinkel in die Geschichtsschreibung einzuweben.

Für das ernsthafte Bemühen, auch den viele Jahrzehnte umfassenden Konflikt um die Großtagebaue sichtbar zu machen, steht Dr. Dagmar Hänel vom Landschaftsverband Rheinland, Impulsgeberin des Workshops. Der LVR kuratiert als Spezialist für kulturhistorische Aufarbeitung die Dauerausstellung, die in Frimmersdorf entsteht. Das Projekt "geSCHICHTen" trägt vorbildlich die verschiedensten Sichtweisen zusammen, die erst so etwas wie eine redliche Darstellung der regionalen Identität ermöglichen. Heimatverlust, Bergarbeiterstolz, Klimaschutz - alles zusammen ergibt das richtige Bild.

Beobachter*innen des Geschehens treibt die Sorge um, dass an den entstehenden offiziellen Gedenkorten ein Zerrspiegel gestaltet wird, der die Geschichte einseitig aus Sicht des Bergbautreibenden und der Akteure erzählt, die vom industriellen Abbau profitierten. Das Risiko ist groß, weil es keine nennenswerte Einbeziehung der Zivilgesellschaft in die Konzeptionsarbeiten gibt. So droht in den Augen vieler Engagierter ein Greenwashing der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Genau gesehen wäre das die Quelle einer fortgesetzten Unversöhntheit und neuer Konflikte.

Davon unabhängig liegt aber eine andere Herausforderung obenauf. Auch wenn es die Zivilgesellschaft noch schaffen sollte, sichtbaren Einfluss auf die Gestaltung der Gedenkorte zu nehmen, wird das, was dort zu sehen sein wird, immer ein Kompromiss sein. Daher ist die Frage legitim, ob es nicht zusätzlich eigene Orte braucht, in der zivilgesellschaftliche Akteure ihre eigene, widerständige Geschichte ungeschminkt erzählen und in einen Diskurs bringen. Die so gestrickte hambitionierte Ausstellung der Buirer für Buir inspiriert, über alternative Geschichtsorte im Rheinischen Revier nachzudenken.